Seit Februar 2010 beschäftigt der Reit- und Fahrverein »St. Georg« Osterwald e.V. eine neue Reitlehrerin: Julia Röhr, Jahrgang 1964, gelernte Pferdewirtschaftsmeisterin, Single und Mutter zweier ebenfalls reitender Töchter. Im folgenden Interview plaudert Frau Röhr ein bisschen aus dem Putzkästchen und gibt Einblick in ihre Pläne und Ideen.
Reit- und Fahrverein »St. Georg« Osterwald:
Guten Tag Frau Röhr – und herzlich willkommen als neue hauptamtliche Reitlehrerin! Sie waren ja früher schon mal beim Reitverein »St. Georg« Osterwald. Wenn ich den „Stallfunk“ richtig deute, dann liegt Ihr erster Kontakt schon ein paar Jahrzehnte zurück ...
Julia Röhr: Ich glaube ich war 8, als ich hier anfing zu voltigieren und nach ungefähr eineinhalb Jahren habe ich mit Reitunterricht auf Schulpferden begonnen. Dann mit 11 Jahren – das weiß ich ganz genau, weil es an meinem elften Geburtstag war – habe ich mein erstes Pferd bekommen! Das Pferd stammte sogar von einem Osterwalder Vereinsmitglied.
Und dann sind Sie einige Jahre hier weiter geritten?
JR: Bis 1980, dann bin ich weggegangen weil ich eine Ausbildung begonnen habe. Ich habe sogar hier in Osterwald „Auf der Brokel“ (an dieser Straße liegt das Vereinsgebäude) gewohnt. Meine Eltern sind extra hierher gezogen, damit ich nahe am Stall bin.
Der Reitlehrer-Job geht geht ja weit über das reine Stunden-Erteilen hinaus, dazu gehört schließlich eine ganze Menge mehr. Das ist für Sie als Pferdewirtschaftsmeisterin sicher Routine ...
JR: Auf jeden Fall. Ich war ja auch 18 Jahre lang selbstständig und habe einen eigenen Betrieb geleitet, so dass ich sämtlich Arbeiten, die anfallen können, gewohnt bin. Vom Weidezäune reparieren übers Misten bis zum Bahnplaner fahren – eigentlich alles.
Für viele – insbesondere jüngere – Reiterinnen ist das Turniere-Reiten eine gesuchte und attraktive sportliche Herausforderung. Zum guten Gelingen können Sie sicher viel beitragen, denn Sie sind selbst aktive und erfolgreiche Turnierreiterin. Wo werden Sie demnächst antreten?
JR: Diese Saison fängt ja jetzt erst an, das nächste Turnier ist Anfang April ein Hallenturnier in Wolfsburg. Da reite ich ein Pferd, das ich seit 2 Jahren in der Ausbildung habe, er ist jetzt 8 und soll dort das erste Mal eine S-Dressur gehen.
Sie bilden also auch Pferde für andere aus?
JR: Genau. Es gibt zwei Schwerpunkte die zu meinem Beruf gehören: Einmal die Ausbildung der Reiter, und dann die Ausbildung der Pferde. Während meiner Selbstständigkeit hatten mein Ex-Mann und ich vornehmlich einen Ausbildungsstall, mit bis zu 20 Ausbildungspferden gleichzeitig. Jetzt habe ich nicht mehr so viele, sondern habe mich ein bisschen umgestellt. Es sind jetzt weniger, aber dafür nehme ich mir dann die richtige Zeit. Der halbe Tag ist ja in Osterwald ...
Nun sind Sie zwar erst ein paar Tage im Amt, mussten allerdings in dieser Zeit schon eine ganze Menge an Menschen und Tieren kennen lernen. Schwirrt Ihnen der Kopf?
JR: Nein, das nicht. Es sind natürlich extrem viele Schüler und das Namenlernen wird etwas dauern. Bin aber froh, dass ich die Pferde nun alle namentlich kenne. Ich spreche im Unterricht einfach die Pferde an, dann wissen die Kinder auch schon Bescheid.
So ein Verein ist natürlich kein homogenes Gebilde, er kann und muss sich wandeln und mit der Zeit gehen. Und da ist ein Reitlehrer-Wechsel auch immer mit gewissen Erwartungen verbunden. Was sind denn Ihre Erwartungen, was möchten Sie im oder mit dem Reitverein Osterwald erreichen?
JR: Was schön wäre, wenn man das hinbekommt, denn es gibt hier ja viele aktive Schulreiter, dass man vielleicht welche rausfiltert, die die Ambitionen und das Talent zum Turnierreiten haben. Zum Beispiel auch Mannschaftsreiten. Das ist immer mit viel Spaß verbunden. Und dass man die auch beim Reiten behält, den Unterricht nicht so eintönig gestaltet, die Jugendlichen – meistens sind es ja Jugendliche – fördert und ihnen vielleicht auch über andere Pferdebesitzer die Möglichkeit verschafft an gute Pferde zu kommen. Der Schulpferdeeinsatz ist ja immer begrenzt und dann muss man trotzdem was Attraktives bieten, sonst springen solche Kinder wieder ab. Wenn ich einen richtig guten Jugendlichen sehe, der das Talent hat und bereit ist sich zu engagieren und mitzumachen, den würde ich immer fördern und auch mal auf mein Pferd setzen und zum Turnier mitnehmen. Da müssen natürlich auch die Eltern hinterstehen.
Das ist nun der turniersportliche Bereich ...
JR: ... und für alle anderen möchte ich es so aufbauen, dass immer Spaß dabei ist. Ganz wichtig auch für die Freizeitreiter. Man kann natürlich alles immer mehr ausweiten, aber dazu muss natürlich die Zeit und das Pferdematerial da sein.
Haben Sie eigentlich schon unseren coolen Schulpferde-Kalender?
JR: Nein, ich habe noch keinen!
Bitteschön!
JR: Dankesehr. Eine gute Idee! Den hätte ich mal gleich haben sollen, dann hätte ich es nicht so schwer gehabt, mir die Pferde zu merken ...
Die Schulpferde-Situation ist ja nicht für alle Bedürfnisse befriedigend – was sowohl für die Pferde als auch für die Reiter und die Voltigierer gilt. Was denken Sie, wie sich die Schulpferde-Situation verändern sollte?
JR: Grundsätzlich ist es immer schwer, es allen Recht zu machen. Die Kapazitäten sind ja auch begrenzt. Vorweg gesagt: Ich kenne sehr viele Vereine und habe auch schon in vielen Vereinen gearbeitet, so habe ich z. B. beim Reitverein Rüsselsheim zwei Jahre den Schulbetrieb geleitet. Ich kann keinen vergleichbaren Schulbetrieb nennen, in dem die Pferde so gut ausgesucht sind. Es sind wirklich sehr gute Pferde. Für den Schulbetrieb werden meistens ganz andere Pferde angeschafft. Hier ist wesentlich mehr Geld ausgegeben und viel Wert auf die Ausbildung der Schulpferde gelegt worden. Das allerwichtigste im Unterricht ist die Verhütung von Unfällen, das steht an erster Stelle. Dazu müssen die Pferde auch ausgelastet sein, sie müssen nach Draußen kommen, damit nicht aus Übermut der Pferde etwas passiert. Wir haben hier viele Erwachsene, aber auch viele sehr kleine Kinder. Da wäre es wünschenswert, man hätte auch etwas kleinere Pferde. Aber alle Wünsche auf der Welt werden nicht erfüllt ...
Aber Wünsche darf man ja mal ruhig mal äußern.
JR: Sicherlich ist es toll, wenn man Ponys hat. Doch Ponys haben im Schulbetrieb den Nachteil, dass sie nur einseitig einsetzbar sind, sprich: Nachmittags, wenn Kinder da sind. Das ist dann auch nicht wirtschaftlich sinnvoll. Kleinpferde sind ganz gut, etwas stämmigere, da kann dann auch fast jeder Erwachsene drauf reiten. Aber im Moment geht es so, das Leben ist kein Wunschkonzert. Es gibt ja auch immer einen Wandel, das eine oder andere Pferd wird älter und muss dann ausgewechselt werden. Dann wird man in Zukunft darauf achten, dass man vielleicht kleinere Pferde dazu kauft.
Werden Sie auch ein eigenes Pferd hier im Stall einstellen?
JR: Auf jeden Fall. Im Moment steht hier schon für ein paar Tage ein Ausbildungspferd. Zu Hause habe ich einen eigenen Stall mit Reitplatz und Weide, die jetzt allerdings unter Schnee und Eis liegen. Ich werde mit Sicherheit immer ein Pferd hier haben, das wird aber wechseln, so, wie es sich am sinnvollsten erweist.
Sie züchten auch – etwas spezielles?
JR: Ja, ich züchte, bin aber nicht auf eine Rasse festgelegt. Ich habe einen eigenen Hengst, den ich selbst im Sport geritten bin, und von dem habe ich zwei Fohlen gezogen. Ich züchte nur für mich, in der Hoffnung, dass es gute Dressurpferde werden.
Im Reitlehrer-Büro habe ich 2 Hunde gesehen – einen ganz großen und einen ganz kleinen. Wie heißen die beiden denn?
JR: Das sind Chucky der Schäferhund und Lily, eine Jack-Russel-Mischung.
Vielen Dank für das Gespräch!
Das Interview führte Matthias.